Flüchtlinge in Salzburg

Vom Tag der Menschlichkeit.

 

Der Lehrer fragt:

Woran werden wir erkennen, dass die Nacht endet und der Tag beginnt?

 

Die Schülerinnen und Schüler überlegen: Rabbi, ist es soweit, wenn wir eine Katze von einem Hund unterscheiden können? Oder eine Tulpe von einem Sonnenhut? Oder einen Maikäfer von einer Biene?

 

Dann wird der Tag der Menschlichkeit anbrechen, antwortet der Lehrer, wenn du aufmerksam ins Gesicht des Menschen blickt, dem du gerade begegnest (möglicherweise sitzt er als Flüchtling am Straßenrand und bittet um Hilfe).

 

Und du erkennst in diesem Gesicht die Schwester oder den Bruder.

 

 

 

Arm aber flexibel? Bericht über ein ökumenisches Projekt.

Unsere Arbeitsbedingungen 12 Jahre nach Erscheinen des Sozialworts der österreichischen Kirchen haben Angehörige der Evangelischen Hochschulgemeinde Salzburg mit ökumenischen PartnerInneN aus der Katholischen Hochschulgemeinde und dem TheologInnEnZentrum im Lauf der beiden vergangenen Studienjahre diskutiert.

 

Das "Sozialwort des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich 2003" erklärt: „Die Zahl jener Menschen, die einen oder sogar mehrere Arbeitsplätze haben, und trotzdem nicht davon leben können, nimmt zu.“

Neben der gemeinsamen Lektüre dieser und aktueller Analysen wurden im Gespräch auch ganz persönliche Erfahrungen geteilt ausgehend von Fragen, die (nicht ausschließlich) junge Menschen beschäftigen: Wie steht es um meinen Arbeitsplatz? Wie haben sich die Arbeitsbedingungen für uns als studierende Teilzeitbeschäftigte verändert? Und besonders: Kann ich von meiner Arbeit leben?

 

Auf ein konstituierendes Treffen im März 2014 folgten 11 weitere Abendrunden, die allen Beteiligten die wachsenden Hürden für ein zukunftsfähiges Erwerbsleben aller Mitglieder unserer Gesellschaft deutlich vor Augen führten; einen vorläufigen Abschluss fand das Projekt mit einem "Subversiven Sitzen" im Furtwänglergarten Ende Juni 2015.

 

Als eine der Ursachen für die wachsende Kluft zwischen beruflich (und damit sozial) abgesicherten Verhältnissen und der Armutsfalle wurde die allgemein geteilte Haltung erkannt, die unter "Arbeit" ausschließlich bezahlte Erwerbstätigkeit versteht.

Immer mehr Menschen sind aber zugleich von Arbeitslosigkeit betroffen - in der Regel ohne eigenes Verschulden. Ihnen bietet der Arbeitsmarkt keine Erwerbsmöglichkeit; sie geraten zunehmend in den Sog der Verarmung.

Viele Weitere leiden unter ausbeuterischen Bedingungen, die ihnen zwar offiziell Anstellung und Entlohnung, nicht aber ein tatsächliches Auskommen und Zukunft ermöglichen ("Working Poor"). In ihren weltweit - auch in Europa und Österreich - zunehmend unmenschlichen Auswüchsen beschert uns die auf Gewinn für Konzerne hin orientierte Wirtschaft sklavenähnliche Lebensbedingungen.

 

Kann ein bedingungslos garantiertes Grundeinkommen die Situation verändern?

 

Aufgrund dieser Einsichten entstand aus der Mitte der Projektgruppe ein weiterer, überkonfessioneller Gesprächskreis zur Idee eines "Bedingungslosen Grundeinkommens" - das Anfang Juni auch im Rahmen des Stuttgarter Kirchentags zwischen dem Soziologen Hartmut Rosa und Bundespräsident Joachim Gauck diskutiert worden ist.

Eine prophetische Idee, durchaus dazu geeignet, Ausbeutungsmechanismen weltweit zu durchbrechen.

 

Etwa 1000.- Euro monatlich könnten die Situation der Betroffenen entscheidend verändern, sie aus Abhängigkeit und Perspektivlosigkeit befreien. Das Geld dafür ist vorhanden, wie uns anerkannte Fachleute vorrechnen; seine Verteilung wird aber bisher an Bedingungen geknüpft und durch wirksame Vorurteile verhindert ("Nur wer arbeitet, soll essen").

 

Laut Matthäus (20, 1-16) hat Jeschua von Nazareth eine andere Sicht des Menschen vertreten. Ich finde es großartig, wenn sich heute (junge) Menschen für Gottes Menschenfreundlichkeit begeistern und um Gerechtigkeit ringen. Sie bringen Befreiung und Zukunft auch in unsere evangelische ArbeitsLebenswelt.

 

Salzburg im Juli 2015, Hochschulpfarrer Stephan Strohriegel